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picture alliance / Geisler-Fotopress | Frederic Kern/Geisler-Fotopress

Rasanter Mitgliederzustrom bei den Grünen: Wachstumsschmerzen der Öko-Partei

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Die Grünen erleben einen Mitglieder-Boom wie wenige Parteien vor ihnen. Doch mit dem rasanten Wachstum der letzten Jahre stellen sich auch Wachstumsschmerzen ein. Wohin steuert die Partei und wie geht es weiter?

Nahezu alle Studenten kennen diesen beliebt-berüchtigten Professorenspruch aus einer Einführungsvorlesung: „Schauen Sie nach rechts und nach links – diese Kommilitonen werden Sie am Ende Ihres Studiums nicht mehr sehen, denn sie werden aufgegeben haben“. Würden Grüne so zu ihren Mitgliedern sprechen, würde der Spruch etwas anders lauten: „Schau nach rechts und schau nach links – diese Mitglieder konntest du bis vor kurzem nicht sehen, denn sie sind neu dabei.“

Ziemlich still und leise erleben wir unser grünes Wunder. Während die beiden Volksparteien in den letzten Jahren stetig Mitglieder einbüßten, haben sich die Grünen fast verdreifacht. Heute zählen sie sagenhafte 125.126 Mitglieder. Im Jahr 2000 gab es nur 46.631 Grüne.

Dass sie erst die vierte Partei nach SPD, CDU und CSU sind, die mehr als 100.000 Mitglieder zählt, hat viel mit den vergangenen vier Jahren zu tun. Seit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen 2017 explodierte ihre Mitgliederanzahl förmlich und wuchs jährlich um atemberaubende 20 Prozent.

Nicht erst seit dem großen Philosophen Barney Stinson wissen wir, dass „neu immer besser ist“. Neue Mitglieder erweitern den finanziellen Spielraum durch ihre Spenden und Beiträge, sie erhöhen die Sichtbarkeit der Partei in Bevölkerung und Wahlkämpfen, sie verbreitern die aktive Basis, aus der sich Parteivorstände und Kandidaten rekrutieren und sie bringen eine unverbrauchte Sichtweise auf interne Prozesse ein und entwickeln so die Partei weiter.

Das alles und noch viel mehr bedeuten die grünen Neumitglieder, wenn man neben der schieren Zahl auch noch ihre Struktur in den Blick nimmt. Andere Parteien tönen gerne, dass sie „weiblicher, jünger, diverser“ werden wollen. Die „neuen Grünen“ sind es bereits.

Noch 2017 hieß es, dass die Grünen eine aussterbende „Generationenpartei“ seien, weil diese überwiegend von den Älteren aus der Post-68er Bewegung getragen werde. Und weil Prognosen schwierig sind, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen, wissen wir heute: Die Mitglieder der Grünen sind im Parteienvergleich die jüngsten (Durchschnittsalter 48 Jahre, 13 Prozent Rentneranteil), die weiblichsten (ca. 40 Prozent Frauen) und die gebildetsten (ca. 68 Prozent mit Hochschulabschluss).

Nach all diesen Superlativen stellt sich einem zwangsläufig die Frage, worin die Ursachen für diese starke grüne Entwicklung liegen und was das alles für die Zukunft bedeuten wird. Wie so häufig im Leben gibt es viele Väter des Erfolgs, weshalb in diesem Rahmen nur die vier wichtigsten Gründe angerissen werden können.

Die Grünen sind Profiteure des gesellschaftlichen Wertewandels, weil sie die einzige ideologisch-postmaterielle „Lifestyle“-Partei sind. Daher sind sie unabhängiger von bisher bekannten politischen Gegensätzen wie z.B. rechts-links, Ökonomie-Ökologie oder Kapitalismus-Sozialismus. Das zieht insbesondere junge, gebildete, wohlhabende und urbane Neumitglieder an.

Sie sind zudem Nutznießer des massiven Bedeutungszuwachs der Klimapolitik in den letzten Jahren, da diese allgemeinhin als ihre Kernkompetenz angesehen wird. Die vermutete Unausweichlichkeit des Klimawandels wirkt auf eine wachsende Zahl von Menschen besonders mobilisierend, denen dieses Thema besonders wichtig ist.

Die Grünen haben im Jahr 2018 mit Robert Habeck und Annalena Baerbock ungemein unverbrauchte und frische Parteivorsitzende gewählt. Beide mussten sich nicht wie ihre Vorgänger in berüchtigten Flügelkämpfen aufreiben. Dadurch wirken sie integrierend und erfreuen sich in der Breite der Neumitglieder einer hohen Beliebtheit.

Die Grünen bewiesen durch die „unverschuldet gescheiterten“ Jamaika-Verhandlungen nach der Bundestagswahl 2017 ihre Anschlussfähigkeit nach allen Seiten. Seitdem war es für alle Neumitglieder klar, dass sie einer zukünftigen und daher wichtig werdenden Regierungspartei beitreten.

Am Ende des Wahljahres 2021 befinden sich die Grünen tatsächlich in der Regierung und können angesichts ihrer historischen Mandats- und Mitgliederstärke kaum laufen. Wird die Regierungsbeteiligung das Mitgliederwachstum weiter beflügeln? Werden die vielen Neumitglieder zu einer starken und dominierenden Partei führen? Folgt nun der große Sprung zur neuen Volkspartei, wie viele Beobachter annehmen? Es spricht einiges dagegen, weil vieles dafürspricht, dass ausgerechnet das starke Mitgliederwachstum zur großen Belastung für die Grünen werden wird.

Vor kurzem bewies der neue Vorsitzende Omid Nouripour besondere Weitsicht. Das Mitgliederwachstum bezeichnete der aussichtsreiche Kandidat für den Parteivorsitz in seinem Bewerbungsschreiben als eine „große Parteiaufgabe“.

Angesichts der rasanten Entwicklung liegt es auf der Hand, dass grüne Parteistrukturen nicht mithalten konnten. In Relation zu größeren Parteien gliedern sich die Grünen in deutlich weniger Ortsverbände. So verfügt die SPD mit ihren 400.000 Mitglieder über mehr als 12.500 Ortsverbände bzw. Ortsvereine, während die Grünen mit grob 125.000 Mitgliedern nur 1.800 Ortsverbände zählen. Ortsverbände sind die erste Anlaufstelle für Neumitglieder.

Dort wird die Parteiarbeit hauptsächlich organisiert. Zwar gibt es gegenwärtig viele Neugründungen, was allerdings auch bedeutet, dass sich Ortsvorstände und Hierarchien noch etablieren müssen. Solche organisatorischen Herausforderungen, auf die Nouripour wohl anspielt, können jedoch leicht gemeistert werden. Durch eine nachholende Anpassung von Parteigliederungen und -satzungen laufen sie sich mit der Zeit einfach aus. Spannender ist als der Blick auf diejenigen, die da so zahlreich neu eingetreten sind.

Neu ist eben doch nicht immer besser, zumindest wenn es um Parteimitglieder geht. Diese stellen häufig auch eine Belastung dar. Um die erste Hypothese dazu sehr direkt auf den Punkt zu bringen: Unter so zahlreichen Neumitgliedern befinden sich eben auch extrem viele Irre. Mitlesende Grüne, die jetzt empört „Ableismus“ in diesem Satz vermuten, können beruhigt sein. Damit ist keinesfalls eine Abwertung von beeinträchtigen Menschen gemeint, denn diese sind wunderbar und bereichernd.

Die Motive von speziellen Menschen, die in eine Partei eintreten, sind aber sehr speziell. Die verzweifelte Suche von „lost souls“ nach Freunden oder Partnerschaft, eine Durchsetzung von absurden individuellen politischen Zielen oder die soziale Bestätigung der eigenen narzisstischen Persönlichkeit sind hier zu nennen.

Solche Neumitglieder werden auf Dauer zu einer Belastung für einen Sozialverband, den nun mal eine Partei darstellt. Sie produzieren Unruhe und provozieren Konflikte, was auf andere Mitglieder abschreckend wirkt und deshalb zunehmend die Mediation von Vorständen erfordert. Es steht zu erwarten, dass die Grünen eine Vielzahl solcher Neumitglieder-Konflikte an der Basis werden lösen müssen. Dies wird durch das oben erläuterte grüne Charakteristikum der „Lifestyle“-Partei verstärkt.

Im Vergleich zu anderen Parteien, die Neumitglieder eher wegen derer politischen Überzeugung gewinnen, stehen bei grünen Neumitgliedern eher individuelle Motive im Vordergrund. Eigene Ziele haben eher Vorrang vor Zielen der Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang wird ein weiterer Umstand zum Problem für die Grünen.

Zwar nicht irre und trotzdem toxisch werden diejenigen Neumitglieder auf die Partei wirken, die nicht aus politischer Überzeugung, sondern nur aus kühlen Karriereüberlegungen eingetreten sind. Dadurch dass die Grünen seit Jahren von Wahlsieg zu Wahlsieg eilen und dem Stimmengewinn unmittelbar der Mandatsgewinn folgt, sind sie für karriereinteressierte Neumitglieder besonders attraktiv geworden.

Das geht aber nur so lange gut, solange der zu verteilende Kuchen an Posten und Mandaten wächst. Zwangsläufig werden die Grünen nun allerdings durch die Regierungsbeteiligung im Bund Kompromisse eingehen und auch Verantwortung für Fehlschläge übernehmen müssen.

Die Phase horrender Zuwächse bei Landtagswahlen dürfte somit zu Ende gehen, was sich ja aufgrund der Kanzlerkandidatur von Baerbock bereits bei der Sachsen-Anhalt-Wahl im vergangenen Jahr andeutete. Die Entzauberung einer Oppositionspartei in der Regierung hat bei den Grünen längst begonnen.

Der Kuchen an Mandaten und Posten wird also im Idealfall gleichbleiben oder sogar geringer werden, sofern Wähler die Grünen bei Landtagswahlen für ihre Enttäuschung über Entscheidungen in der Bundesregierung abstrafen werden. Karrieristen haben somit zwei Handlungsoptionen und beide wirken sich negativ auf die Partei aus.

Entweder sie streiten noch erbitterter um eine geringer werdende Anzahl an sicheren Listenplätzen oder sie wenden sich von den Grünen ab bis hin zum Wechsel in eine andere Partei, die ihnen aussichtsreichere Karrierechancen verspricht.

Zu wenig Land für zu viele Häuptlinge ist aber nicht nur ein Problem für diejenigen, die gerne ein Häuptling sein möchten. Es ist auch ein Problem für diejenigen, die schon länger dabei sind und dadurch zum Häuptling wurden.

Gemeint sind die grünen Mandatsträger, die in den letzten Jahren von den Zugewinnen bei Wahlen profitierten. So holten die Grünen bei der Bundestagwahl 2017 nur ein Direktmandat. Bei der Bundestagswahl 2021 waren es 16 Direktmandate.

Aufgrund des besten grünen Ergebnisses aller Zeiten zogen zahlreiche nachrangige Listenplätze und es gab so einige Ausgleichsmandate für die Partei. Nicht alle Kandidaten, die in den Bundestag gewählt wurden, sind arrivierte Grüne. Sehr viele sind teilweise erst seit wenigen Jahren Mitglied bei den Grünen. Diese haben einen kometenhaften Aufstieg hingelegt. Was allgemeinhin als erfrischend und verjüngend wahrgenommen wird, birgt allerdings auch große Risiken. Wir haben diese Gefahren bereits im vergangenen Jahr kurz und knapp zusammengefasst.

Man sollte nicht unterschätzen, welche Herausforderung diese neuen Abgeordneten mit einer relativ kurzen Parteibiographie und nur wenig politischer Erfahrung für Fraktion und Partei darstellen. Pichottas abfällige Bemerkungen über ein schwarz-rot-goldenes Zutrittsbändchen oder Saskias forsche Forderung an die Exekutiv-Organe zum Schlagstockeinsatz wären erfahrenen Abgeordneten nicht passiert.

Beide sind erst seit wenigen Jahren Mitglied in der Partei und kennen eben die Spielregeln öffentlicher Kommunikation noch nicht. Den Grünen bleibt nur die Hoffnung, dass diese Abgeordneten schnell lernen und sich trotz ihres Idealismus in das Fraktionsgefüge einordnen.

Dass die Grünen immer mal wieder mit lebensfremden Forderungen für allgemeine Erheiterung oder Kopfschütteln sorgen (Gendern, Lastenrad-Förderung, Parlamentspoetin etc.), ist jedem bekannt. Solche Gedanken können nur in einer Partei gedeihen, deren Mitgliederstruktur sich vollständig von der Lebenswelt und den Problemen der allgemeinen Bevölkerung abgekoppelt hat. Und so führte das Mitgliederwachstum nicht zu einer Verbreiterung der Basis.

Der Anteil an Akademikern unter den Grünen-Mitgliedern liegt unverändert bei ca. 72 Prozent, während er bei allen anderen Parteien teilweise deutlich niedriger ist. Diese jüngeren Neumitglieder tragen die neusten akademisierten Debatten der universitären Elfenbeintürme um Soziale Gerechtigkeit, Identitätspolitik oder Anti-Rassismus in die Partei. Das wird es den Grünen dauerhaft erschweren wirklich zu einer Volkspartei zu werden. Niemand der mitten im Leben steht, möchte beim Parteitreffen solche spezialisierten Diskurse führen.

All diese Punkte sprechen aus unserer Sicht dafür, dass die Grünen in den kommenden Jahren aufgrund ihres raschen Mitgliederwachstums Probleme bekommen werden. Vorerst ist das Ende der Fahnenstange erreicht.