Zapfenstreich_Afghanistan_2021.jpg

picture alliance/Christophe Gateau

Nach Zapfenstreich: Linke Twitter-Kritik an Zeremonie

Diesen Artikel teilen!

Bilder vom Großen Zapfenstreich zur Würdigung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan haben im Netz teilweise Befremdung und heftige Kritik ausgelöst. Eine Reihe von Twitter-Nutzern fühlten sich durch die Szenen an die NS-Zeit erinnert.

Zapfenstreich würdigt Afghanistan-Einsatz

Am Mittwochabend hat die Bundeswehr die rund 90.000 deutschen Afghanistan-Veteranen mit einem Großen Zapfenstreich vor dem Reichstagsgebäude gewürdigt. Die Bilder von Soldaten mit Fackeln vor dem Reichstagsgebäude lösten beim linken Rand jedoch Empörung und Entsetzen aus.

Berufsempörte toben auf Twitter

Die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth schrieb beispielsweise: „Wenn Deutsche Fackeln in die Hand nehmen“ sage sie mit Max Liebermann „ick kann janich so viel fressen, wie ich kotzen möchte“. Auch beklagte Ditfurth eine vermeintliche „Militarisierung der Gesellschaft“. Die radikale Linke-Außenpolitikerin Sevim Dagdelen verwies unter anderem auf die zivilen Opfer des Afghanistan-Krieges und die 59 Bundeswehr-Soldaten, die in Afghanistan ihr Leben ließen. „Was gibt es da zu feiern mit diesem militaristischen Mummenschanz?“, fragte sie dreist ebenfalls auf Twitter.

Auch Böhmermann vergreift sich im Ton

„Was soll das militaristische Ritual aus Preußen und NS-Zeit“, fragt Grünen-Urgestein Christian Ströbele. Der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann schreibt, er finde „Fackelmärsche von Uniformierten vorm Reichstag richtig, richtig scheiße“. Warum denke sich das Land der Tüftler nicht mal eine Zapfenstreich-Innovation aus, fordert er in einem weiteren provokanten Tweet.

Bundeswehr wird mit Wehrmacht verglichen

Auch am Folgetag posten tausende Nutzer aus dem linken Spektrum ihre Kritik am Großen Zapfenstreich und dem in ihren Augen überkommen Zeremoniell. Der Hashtag #Wehrmacht liegt zeitweise auf Platz zwei der Twitter-Trends für Deutschland. Nun hat das Kurznachrichtenportal einen gewissen Blasencharakter, der mitunter das Meinungsbild der Bevölkerungsmehrheit verzerrt. Aber aus der Debatte lässt sich auch etwas lesen über das Verhältnis einer Gesellschaft zu seiner Armee. Vor allem aber zeigt es die Verachtung des linken politischen Spektrums für die Streitkräfte unseres Landes und seine Rituale.

Schadensbegrenzung durch das Verteidigungsministerium

Das Bundesverteidigungsministerium hat mit Ernüchterung auf Kritik am Großen Zapfenstreich mit Fackeln vor dem Reichstagsgebäude reagiert. „Vergleiche mit dem dunkelsten Kapitel Deutschlands enttäuschen uns“, schrieb das Ministerium am Donnerstag auf Twitter kleinlaut. Die Bundeswehr sei eine Parlamentsarmee. „Als diese hat sie ihren Platz inmitten der Gesellschaft - bei besonderen Anlässen auch vor dem Reichstagsgebäude.“

Klare Ansage von Strack-Zimmermann

Auch Verteidigungspolitiker schalteten sich in die Debatte ein. FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann nannte das Zeremoniell in Form „absolut angemessen“. Generell fiel auf, dass sich viele FDP-Politiker klar hinter die Bundeswehr stellten und den Zapfenstreich verteidigten. „Wer die Parlamentsarmee #Bundeswehr wegen eines Jahrhunderte alten Zeremoniells mit der #Wehrmacht (!) vergleicht, hat die Kontrolle über sein Denken verloren», kritisierte FDP-Politiker Marco Buschmann scharf. Auch viele andere Nutzer aus dem bürgerlichen Lager hielten dagegen und nahmen sowohl die Bundeswehr als auch die Zeremonie vor dem Reichstag in Schutz.

Ursprünge in der Zeit der Landsknechte

Die Ursprünge des Zapfenstreichs gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Mit dem Brauch werden heute etwa Bundespräsidenten und Bundeskanzler sowie Verteidigungsminister bei ihrer Verabschiedung geehrt. Das Zeremoniell findet immer abends statt, besteht aus einem Aufmarsch, mehreren Musikstücken und dem Ausmarsch. Zum Großen Zapfenstreich gehören immer auch Fackelträger. Vor dem Reichstagsgebäude gab es einen Großen Zapfenstreich etwa 2015 zum 60-jährigen Bestehen der Bundeswehr. Dieser hatte auf Twitter damals keine Reaktionen hervorgerufen.

apm/dpa