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unsplash / Radek Homola

Linke sind von vorgestern: Wir sind die Zukunft

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Der Konservatismus hat keinen guten Ruf - das habe ich am eigenen Leib schon oft erfahren. Gilt er vielen doch als Bremsklotz des Fortschritts, verstaubt, teilweise gar reaktionär und als Brücke zum Rechtspopulismus. Das ist natürlich falsch.

68er-Muff, Bionade-Biedermeier und „Woke“-Fundamentalismus

Die Kritik aus dem linken Lager und einer vermeintlich progressiven und toleranten „Mitte“ arbeitet sich an Vorurteilen ab und bleibt gefangen in den eigenen holzschnittartigen Denkmustern von vorgestern. Moderner Konservatismus ist heute eng verzahnt mit dem Liberalismus. Die neuen Konservativen sind unorthodoxe Freiheitskämpfer gegen den 68er-Muff, Bionade-Biedermeier auf dem Lastenrad und die gefährliche Engstirnigkeit des „Woke“-Fundamentalismus. Und dennoch sind wir keine Liberalen im klassischen Sinne, steht doch auch immer das Tradierte im Mittelpunkt unseres Denkens.

Wir verstehen Konservatismus als Idee einer Zugehörigkeit. Wir sind verbunden durch Werte, Traditionen und Institutionen, die wir bejahen und schützen wollen. Wir wissen aber, dass sich Gesellschaften verändern. Wir stehen vor anderen Herausforderungen als die vorangegangenen Generationen. Der Konservatismus des Jahres 2021 ist ein anderer als der unserer Väter und Großväter. Er kann sich nicht stumpf an Moralvorstellungen und Denkschulen der Nachkriegsjahre oder des Kalten Krieges orientieren.

In dieser Hinsicht sind die neuen Konservativen sehr modern, sind wir doch alle ein Produkt der modernen Bürgergesellschaft, der Globalisierung und der Fortschrittsgläubigkeit. Ganz anders übrigens als die pessimistischen grünen und roten ängstlichen Miesepeter, die entweder in die Zeit vor die Industrielle Revolution wollen, Deutschland als romantisierte Industriebrache, oder Jungsozialisten, die sich bis heute an Marx und seine Ideenwelt klammern, als gäbe es ein Industrie-Proletariat wie zu Kaisers Zeiten.

Wir hingegen wollen nicht einfach zurück in eine vermeintlich „gute alte Zeit“, aber das, was wir als schützenswert erachten, verteidigen wir entschlossen. Müssen wir verteidigen, da es sonst auch keiner tut. Aus den bürgerlichen Rückzugsgefechten und Niederlagen der letzten Jahre erwächst die Aufgabe, moderne Bürgerlichkeit mit neuem Leben zu füllen oder in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Wir stehen am Scheideweg.

Wir glauben an die Mündigkeit der Bürger

Wir wollen den Menschen auch nicht entgegen seiner Natur verändern oder ideologisch umformen, wie es unsere politischen Gegner fordern. Freiheit, Sicherheit und Wohlstand entstehen aus gesellschaftlichem Austausch und nicht durch am Reißbrett geplante Veränderungen unserer Sprache, unserer Fähigkeiten, erzwungenem Verhalten oder staatlicher Übergriffigkeit. Das Individuum steht im Mittelpunkt bürgerlicher Politik. Wir glauben an die Mündigkeit der Bürger.

Wir können als Gesellschaft nur erfolgreich bestehen, wenn wir das Verbindende gegenüber dem Trennenden betonen. Ohne die Erfahrung der Gemeinschaft ist der Zerfall der Gesellschaft in immer kleinere Splittergruppen unausweichlich. Aus diesem Grund lehnen wir jeden Versuch der identitätspolitischen Spaltung nach Alter, Geschlecht, Ethnie, Religion oder sexueller Identität entschieden ab.

Es ist doch faszinierend zu sehen, dass die extreme Linke, zu der die „Woke-Bewegung“ gehört, als auch die extreme Rechte, die Wertigkeit von Menschen an den gleichen äußerlichen Kriterien festmacht. Äußerlichkeiten allein entscheiden bei den Extremisten – Hufeisen-Theorie is calling. Als schwarze Lesbe im Rollstuhl steht man dann entweder ganz oben oder eben ganz unten. Gleiches gilt für den „alten weißen Mann“, der bei der linken Opfer-Olympiade heute schlechte Karten hat und daher bitte die „Fresse“ halten soll in vielen Diskursen. Ok, Boomer?

Wir leben auch nicht zum Zweck der Verwirklichung ideologischer Gesellschaftsentwürfe. Gesellschaft existiert, um unser Zusammenleben so frei und friedliche wie möglich zu gestalten. Dabei ist es natürlich, dass sich unser Land mit der Zeit verändert und anpasst. Neue Normen entstehen und alte werden aufgegeben. Aber wir entscheiden, welche Normen wir als richtig erachten und welche wir aufgeben. Gesellschaftliche Veränderung muss organisch und natürlich passieren und nicht durch die subversiven Eingriffe meinungsstarker Akteure mit teilweise sonderbaren Partikularinteressen. Looking at you „funk“!

Die Erzählung eines vermeintlich linearen Fortschritts der Gesellschaft weisen wir daher zurück. Unsere Freiheit und unsere Selbstbestimmung stehen über jedem Versuch, Individuen für politische Zielsetzungen zu vereinnahmen oder gar zu lenken.  

Unsere politische Ordnung braucht eine gemeinsame kulturelle Basis. Politik selbst kann jedoch keine kulturelle Grundlage liefern. Als Konservative verstehen wir die kulturelle Basis unserer Gesellschaft als eine Kultur mündiger Bürger, die aus freiem Willen und unabhängig ihrer Prägung Zugehörigkeit zum Gemeinwesen bekennen. Die grundlegenden Werte dieser Bürgerlichkeit sind im Grundgesetz verankert. 

Jeder ist uns willkommen

Für uns bleibt der Nationalstaat zentraler Akteur des politischen Handelns. Eine Demokratie ohne vereinendes nationalstaatliches Element ist zum Scheitern verurteilt. Wir bekennen uns ausdrücklich zur Staatsangehörigkeit als einendes Element. Wer aber zu uns dazugehören möchte, ist herzlich willkommen. Hier unterscheiden wir uns deutlich von den Traditionalisten. Mir ist ein türkischstämmiger Kioskbesitzer, der die deutsche Nationalmannschaft anfeuert und unsere Landesfarben schwenkt, ohnehin lieber als die Kreuzberger Lifestyle-Linke, die empört schnatternd in die Frauengruppe rennt, um sich zu echauffieren, weil man sie aufgrund des Borstenhaarschnittes versehentlich „misgendert“.

Doch Spaß beiseite. Zur kulturellen Basis gehört auch das Bekenntnis zu einer gemeinsamen Geschichte und zu den kulturellen und regionalen Gebräuchen unseres Landes. Dazu gehören ausdrücklich die Lehren, die wir gesellschaftlich und kollektiv aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gezogen haben. Wer Teil dieses Landes sein will, wird Teil des schweren Erbes. Ohne Ausnahme. Falsch verstandene Toleranz und importierte ethnische Konflikte führen ansonsten zwangsläufig ins Unglück.

Die Schnappatmung in Bezug auf unseren Start war somit also unbegründet. Weder stehen wir für eine „Trumpisierung“ des politischen Diskurses, noch eine Spielart des Rechtsradikalismus. Wir stehen für einen selbstbewussten Konservatismus, der sich bewusst nicht an linken Denkmustern orientiert. Wo wir sind, ist die politische Mitte – aber eine selbstbewusste, die für ihre Ziele und Ideale kämpft.