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picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Ein Jahr Ahrtal: Das politische Versagen geht weiter

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Für die Menschen im Ahrtal hat sich das Leben nach dem 14. Juli 2021 schlagartig verändert. Nach langanhaltendem Starkregen stiegen die Pegelstände bis zu uehn Meter an. Mehr als 180 Menschen verloren ihr Leben. Viele Weitere verloren in der Flut ihre Lebensgrundlage. Lebenswerke wurden von den Wassermassen weggespült und trotz großer Versprechungen seitens der Politik ist bis heute viel zu wenig geschehen.

Noch während des letzten Bundestagswahlkampfs versprachen die Spitzenkandidaten aller Parteien, schnell und unkompliziert zu helfen. So sprach Olaf Scholz, damals noch Kanzlerkandidat, von einer „nationalen Kraftanstrengung“ und sagte mehrere hundert Millionen Euro an Soforthilfen zu. Doch davon spüren die wenigsten bisher etwas. Denn der Wiederaufbau zieht sich hin.

Anträge sind kompliziert und werden von vielen nicht richtig verstanden. Notwendige Gutachten dauern und die Bearbeitung seitens der Behörden sind ebenso zeitintensiv. Und dass, obwohl die Opfer der Flutkatastrophe schnellstmöglich auf finanzielle Hilfen angewiesen sind.

Grade deshalb wenden sich immer mehr Betroffene den Banken zu und nehmen eigene Kredite auf, um die teuren Baumaßnahmen zu finanzieren. Doch auch hier häufen sich die Probleme. Denn Kredite müssen mit Zinsen zurückbezahlt werden und lassen den Menschen, die nichts mehr haben noch weniger. Auch scheitern viele an der Bonität. Wer bereits einen Kredit laufen hat, bekommt zumeist kein weiteres Geld von den Banken.

Selbst wenn finanzielle Mittel bereitstehen, können die Handwerksbetriebe kaum die vollen Auftragsbücher abarbeiten. Es fehlt an Personal und Material. Zudem fallen selbst während der Arbeiten weitere Hürden an. Wurde kurz nach dem verhängnisvollen Ereignis alles großzügig entsorgt, so müssen sich die Bewohner nun um die präzise Trennung und Entsorgung des Bauschutts kümmern. Bei einem Verstoß drohen empfindliche Bußgelder. Dieses Prozedere ist nicht nur nervenzerreibend, sondern kostspielig. Denn der damit verbundene Mehraufwand bindet die bringend benötigten Facharbeiter für eine längere Zeit. 

Deshalb sind viele Opfer der Flutnacht noch immer auf Behelfshäuser angewiesen. Dabei handelt es sich um sogenannte „Tiny-Houses“, die grade einmal eine Fläche von 34 Quadratmetern haben. Für Alleinstehende vermag diese Übergangslösung ein erster Schritt sein, doch müssen sich auch mehrere Personen die kleinen Wohnhäuser teilen. Das heißt, leben und schlafen auf engstem Raum und keinerlei Privatsphäre.

Selbst hier ist jedoch wenig von der versprochenen Hilfe angekommen. So stellen die Kommunen die Häuser zwar bereit, berechnen jedoch bis zu vierhundert Euro für die Versorgungskosten. So müssen diejenigen, die bereits so viel verloren haben, noch tiefer in die eigene Tasche greifen. 

Es muss sich etwas ändern. Die Opfer der Flutkatastrophe brauchen Planungssicherheit beim Wiederaufbau der Häuser, Geschäfte und Infrastruktur. Dafür wird es nötig sein, die bereits bestehenden Prozesse umzudenken. Die Verantwortlichen der Bundes- und Landesregierungen müssen nun Lösungen auf den Tisch legen, die sie den Bürgern bereits vor einem Jahr versprochen haben. Solidarität leben, anstatt nur darüber zu sprechen.

Finanzielle Entlastungen sind hierbei von besonderer Wichtigkeit. So kann zum Beispiel eine Steuerrückerstattung für die Wiederaufbaukosten ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein und eine große Entlastung darstellen. Auch unklare Zuständigkeiten und Bürokratie müssen ein Ende finden. Sei es bei der Entsorgung der Schutthaufen oder die Stellung von Härte-Anträgen. Auch die dafür benötigten Gutachten müssen schneller bearbeitet werden. Damit die Menschen im Ahrtal eine Perspektive auf ein Leben danach haben. Wir sind es ihnen schuldig.