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picture alliance/dpa | Stefan Puchner

Deutschland auf dem Irrweg: Ein Plädoyer für mehr Realismus

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Leider werden in Deutschland große Themen oft ideologisch aufgeladen und wenig sachlich diskutiert. Es geht nicht darum fachlich effiziente Lösungen für Probleme zu finden, sondern das vermeidlich moralisch Richtige zu tun – so auch bei der Kernkraft.

Schon lange wissen wir: Realismus und Pragmatismus sind bei emotional geführten Debatten noch nie die großen Renner gewesen. Gesundheit, Klima, Mobilität, Sicherheit, Integration – völlig egal. Feststellen lässt sich eine stetige Entkoppelung nüchterner Sachlichkeit hin zu Überzeugungstaten und -tätern. Das kann man so machen.

Deutschland hat bei dem Thema Energie beziehungsweise Energieversorgung allerdings einen Punkt erreicht, an dem es eigentlich nicht mehr darum gehen darf, aus sogenannten „Prinzipien“ heraus bei seinem „Nein, Danke“ zu bleiben. Um es mal vorsichtig auszudrücken: Die Lage ist angespannt. Wir haben eine Menge ungeklärter Fragen. Bevor diese Fragen nicht beantwortet sind, ist es mehr als fraglich, wie man den aktuellen Ausstiegskurs guten Gewissens unterstützen kann.

Das Beispiel Italien zeigt uns gerade, dass auch wir diese Diskussion führen müssen und dürfen, obwohl oder vielleicht gerade weil der Ausstieg aus der Kernenergie längst beschlossene Sache ist. Von der Notwendigkeit des Klimaschutzes über das große Problem der Versorgungssicherheit hin zu einem stark steigenden Preisdruck und einem spürbaren Mangel an tragfähigen Alternativen kann es gut sein, dass auch wir erkennen werden, dass das einst beerdigte Thema Kernkraft wieder auf die Tagesordnung muss. Wenn auch nur übergangsweise. Aber selbst das steht in Deutschland nicht einmal zur Diskussion.

Das ist umso bemerkenswerter vor dem Hintergrund, dass die EU-Kommission die Kernkraft jüngst neubewertet und ihr ein grünes Label verpasst hat. Das zeichnet nachhaltiges Handeln in Wahrheit aus: Fehler erkennen, beim Namen nennen, und wenn nötig, Korrekturen einleiten.

Dies wäre vor dem Hintergrund der vorab skizzierten Geschehnisse auf EU-Ebene eigentlich der ideale Zeitpunkt. Mit einer Argumentation zielend auf den europäischen Zusammenhalt, der im Jahr 2022 mehr Bedeutung hat, denn je, würden selbst die Grünen vor ihren Anhängern gesichtswahrend aus der Anti-Nummer herauskommen.

Wir beobachten also, wie die Ampel auf den EU-Plan final reagieren wird. Geschlossen ist sie jedenfalls nicht. Für die Union wäre das eine Steilvorlage gewesen, eine von mehreren guten Gelegenheiten, sich nicht nur zu positionieren, sondern die Koalition zu demaskieren. Eine Gelegenheit, sie zu entlarven, und auf eine Antwort zu pochen, wie wichtig ihnen die Verminderung von CO-2, mit der sie immerhin sämtliche politische Fehlentscheidungen begründet, denn wirklich ist.

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Auch mit Habecks Plänen der schönen neuen Welt wird Deutschland nicht in der Lage sein, sämtlichen benötigten Strom selbst mittelfristig allein aus Erneuerbaren zu erzeugen. Das gilt für Wirtschaft, Industrie und Privathaushalte. Viel zu stark steigt der jährliche Strombedarf in heftigem Gegensatz zu unserer selbst erzeugten Strommenge aus „erneuerbaren“ Energien.

Die Konsequenz dessen, dass wir unsere – im Übrigen modernen und sicheren –Kraftwerke abschalten? Wir werden auch weiterhin gezwungen sein, Strom aus den Kernkraftwerken unserer Nachbarn, vor allem aus Frankreich, einzukaufen. In jedem Fall wird die endgültige Abschaltung der letzten Kernkraftwerke zu Ende diesen Jahres zu einer Verschlechterung unserer CO2-Bilanz führen. Das wissen wir jetzt schon. Vor dem Hintergrund der viel propagierten Katastrophen, die daraus folgen, ist das konsequente „Nein“ zu einer ernsten Debatte umso verantwortungsloser.

Deutschland folgt hier nicht dem europäischen Weg. Europa tritt deswegen insgesamt pragmatischer und differenzierter an die Energieerzeugung heran, weil es berücksichtigt, dass Kernkraft nicht nur günstig und sicher, sondern vor allem CO2-schonend ist. Wenn man etwas dauerhaft anders macht, als alle anderen, ohne wirklich stichhaltige Gründe und Alternativen, dann muss man sich früher oder später darauf einstellen, Probleme zu bekommen. An diesem Punkt sind wir heute.

Entgegen allen deutschen Hoffnungen ist der Rest der Welt dem Anti-AKW-Kurs nicht gefolgt. Im Gegenteil. Diese saubere und günstige Form der Energiegewinnung funktioniert nämlich unabhängig von Sonne und Wind.

Also versucht man, diesen Weg stur weiterzugehen. Was hierfür bleibt, ist das Spiel mit der Angst. An dieser Stelle mal nicht mit der Angst vor der Klimakatastrophe, sondern vor dem Atomtod. Zugegeben: Mit der Erwiderung, dass Angst kein guter Ratgeber ist, holt man Niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Aus welchen Gründen aber bleibt das stichhaltige Argument unbeachtet, dass alle Sorgen, die man sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemacht hat, unter dem Strich als unbegründet bezeichnet werden können?

Zurückführen können wir das auf milliardenschweren Investitionen in Sicherheitsauflagen- und Investitionen der Industrie. Wären nur Bruchteile dieser massiven Innovationen in die moderne Forschung in Deutschland genauso selbstverständlich, wie die in Windräder und Klimapakete, wären wir sogar noch weiter. Stattdessen bezahlt Deutschland Milliarden an Entschädigungen für AKW-Betreiber. Und gleichzeitig für Atomstrom, den wir importieren müssen. Ein Irrsinn.

Die deutsche Bevölkerung, die den Ausstieg einst mehrheitlich befürwortet hat, erkennt diese substanzlose Entwicklung zunehmend an. Allensbach zeigt: Während vor zehn Jahren noch rund 70 Prozent der Deutschen für einen Ausstieg waren, sind es zuletzt nur noch etwas mehr als die Hälfte der Befragten gewesen. Er wird also nicht mehr von einer breiten gesellschaftlichen Mehrheit getragen - Tendenz weiter sinkend. Es bleibt abzuwarten, ob diese Entwicklung tatsächlich zu spät eintritt und ob die geschickte deutsche Anti-AKW-Lobby, die das „Nein“ zur Kernkraft unverhohlen und willkürlich mit „Klimaschutz“ gleichsetzte, sich final durchsetzt.

In jedem Fall sind nicht nur Versorgungssicherheit und Sauberkeit die wichtigsten Momenti, sondern auch der Preis. Es kann nicht sein, dass immer mehr Unternehmen ihre Produktion stoppen müssen, weil Preisexplosionen auf den Märkten für Strom und Gas die Firmen in die Knie zwingen. Doch genau das passiert gerade. Es geht hier gleichermaßen um Bürger, Wirtschaft und Industrie. Es kommt zu erheblichen Nachteilen für Unternehmen und Wettbewerbsverzerrungen, die dafür sorgen, dass wir den Anschluss immer weiter verlieren werden.

Denn der Strompreis ist ja nicht der einzige, der in Höhen schießt, in denen die Luft zu dünn wird. Mit der Schulterung von stark gestiegenen Benzin- und Dieselpreisen, die für Mobilität und Logistik stark hemmende Faktoren sind, haben wir unserem Industrie- und Wirtschaftsstandort eigentlich schon über das Maß Erträgliches zugemutet. Von Privathaushalten ganz zu schweigen.