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picture alliance / dpa | Sebastian Gollnow

Ausstieg falsch: Ohne Kernenergie können wir das Klima nicht schützen

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Es ist allgemein unbestritten, dass der Klimawandel uns vor große Herausforderungen stellt und eine Transformation unserer Lebensweise notwendig ist. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Die Kernenergie könnte hier ein entscheidender Baustein sein.

Hört auf die Wissenschaft

Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen auch dann gelten, wenn es manchen Akteuren politisch gerade nicht genehm ist. Linke Bewegungen, die von sich selbst sagen, hinter der Wissenschaft zu stehen, müssen dies voll und ganz tun und nicht nur, wenn es ihnen gerade nützlich erscheint. Alles andere wäre schlichtweg Doppelmoral.

Umso bemerkenswerter ist es, dass sich die selbsterklärten Klimaretter Deutschlands so vehement gegen den Einsatz von Kernenergie wenden, obwohl führende Wissenschaftler wie James Hansen, der jahrelang für die „NASA“ zu Klimafragen geforscht hat, oder der Direktor der „Earth Institute“ an der Columbia University in New York, Jeffrey Sachs, sich für die Nutzung von Kernenergie aussprechen.

Auch die „United Nations Economic Commission for Europe“ (UNECE) stellt fest, dass die Erreichung der globalen Klimaziele ohne Kernenergie vollkommen unrealistisch ist. Die UNECE schreibt dazu in einem Bericht: „Kernenergie ist ein unverzichtbares Mittel zum Erreichen der internationalen Nachhaltigkeitsziele. Sie spielt eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung des Energiesektors, unterstützt aber auch die Umsetzung sämtlicher anderer Ziele für eine nachhaltige Entwicklung - darunter die Überwindung der Armut, die Beseitigung des Hungers, sauberes Trinkwasser, erschwingliche Energie, Wirtschaftswachstum und industrielle Innovation.“

Die OECD stellt in einem Bericht aus dem Jahr 2020 fest, dass die Kernenergie ab 2025 die kostengünstigste Form der Stromerzeugung sein wird. Der Wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission kommt zu dem Schluss, dass kein signifikanter Schaden durch den Betrieb von Kernkraftwerken bzw. der Lagerung der Abfälle entsteht. Und selbst die oberste Autorität der vermeintlichen Klimaschützer, der Weltklimarat (IPCC), hält eine Einhaltung des Pariser Klimaabkommens ohne den Einsatz sauberer Kernenergie für höchst unwahrscheinlich.

In seinen vier Hauptszenarien sieht er eine Verdoppelung bis Versechsfachung der Kernenergie bis 2050 gegenüber 2010 vor. Kein Szenario kommt ohne den Ausbau der Kernenergie aus. Der französische Finanzminister Bruno Le Maire sagte dazu: „Entweder kämpfen wir gegen den Klimawandel mit einem ideologischen Ansatz und wir scheitern, oder wir kämpfen gegen den Klimawandel mit einem wissenschaftlichen Ansatz und werden Erfolg haben.“

Deutschland klimaneutral bis 2045

Das neue Klimaschutzgesetz der Bundesregierung setzt das Ziel der Klimaneutralität auf 2045 fest. Um dieses Ziel erreichen zu können, ist der Einsatz aller emissionsarmen Technologien notwendig, inklusive Kernenergie. Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke sind kurzfristig realisierbar und können die CO2-Bilanz kostengünstig verbessern. Schon jetzt sind die Energiepreise in Deutschland die höchsten in Europa.

Dies belastet vor allem Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen, die das unmittelbar auf dem Weg der Stromrechnung zu spüren bekommen. Aber auch die Industrie leidet massiv unter diesem Wettbewerbsnachteil. In einem Sonderbericht aus dem Jahr 2021 prangert der Bundesrechnungshof an, dass die Bundesregierung die Sicherheit der Stromversorgung auf unplausible und zu optimistische Annahmen einstuft.

Hinzu kommt, dass in Zukunft deutlich höhere Mengen Strom benötigt werden, um beispielsweise Elektromobilität, Wasserstoffwirtschaft und die auf Strom umgestellten Industrieprozesse sicher versorgen zu können.

Kernenergie ist die Lösung

Die Lösung des Problems kann nur im Einsatz der Kernenergie bestehen. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der Kernenergie am deutschen Strommix 30 Prozent. Hätte man die Kohlekraftwerke konsequent abgeschaltet, die Kernenergie ausgebaut und den emissionsarmen Anteil durch Wind und Sonne ergänzt, hätte Deutschland nicht nur bereits jetzt seine Klimaziele für 2030 erreicht, sondern wäre bei den Energiepreisen auch nicht Europameister.

Über den gesamten Zyklus sind die Emissionen im Bereich der Kernenergie deutlich geringer als von Kohle und Gas - worauf Deutschland jetzt setzt. Während bei der Kohleverstromung pro Kilowattstunde 820g CO und 490g CO2 beim Einsatz von Gas entstehen, werden bei der Kernenergie lediglich 12g CO2 pro Kilowattstunde freigesetzt.

Während weltweit 84 Reaktoren mit neuer Technologie in 18 Ländern gebaut oder geplant werden, sieht Deutschland ziemlich alt aus.

Deutschland setzt währenddessen auf grünen Wasserstoff, obwohl eine Versorgung der deutschen Industrie allein mit grünem Wasserstoff vollkommen unrealistisch ist. Allein die deutsche Stahlindustrie bräuchte nach einer Schätzung der IG Metall 12.000 neue Windräder, um genug erneuerbare Energie zu erzeugen, um die Produktion komplett darauf umzustellen.

Hinzu kämen dann noch die Autoindustrie, der weitere Maschinenbau, die Chemieindustrie und auch der Betrieb beispielsweise von großen Rechenzentren benötigt große Mengen an Strom, die gegebenenfalls auch aus erneuerbaren Energien kommen müssten.

Glücklicherweise tritt in Deutschland mittlerweile ein Lerneffekt in der Gesellschaft und der Politik ein. Laut einer aktuellen Umfrage von Allensbach sprechen sich inzwischen 42 Prozent der Deutschen für eine längere Nutzung der Kernenergie aus. Eine Civey-Umfrage kommt sogar auf 47-49 Prozent. Vor allem die junge Generation steht der Kernkraft positiv gegenüber: 57 Prozent der 18-29 Jährigen sprechen sich für die Kernenergie aus, um die EU-Klimaziele zu erreichen. Auch die politische Stimmung ändert sich. Eine Mehrheit der Wähler von CDU, CDU und FDP stehen der Nutzung der Kernenergie positiv gegenüber.

Innovationen statt Verbote

In der Klimadebatte wird von Politikern oft davon gesprochen, das Klima durch Innovationen und nicht durch Verbote schützen zu wollen. Die Kernenergie wäre ein konkretes Beispiel, um diese Formel in die Tat umzusetzen.

Die Reaktoren der Generation 3+ zeichnen sich nicht nur durch einen geringeren Uranbedarf, sondern auch durch weitreichendste Sicherheitsmaßnahmen, wie ein expliziter Schutzmechanismus gegen Flugzeugabstürze und Erdbeben, neue Kühlsysteme und besonders massive Bauweisen, aus. Selbst im Fall einer Kernschmelze tritt kein radioaktives Material aus und nur in höchst unwahrscheinlichen Szenarien gelangen so kleine Mengen Material aus der Anlage, sodass kein Schaden für Mensch und Umwelt entsteht.

Die Reaktoren der vierten Generation sind noch fortschrittlicher. Diese zeichnen sich laut einem Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages durch einen deutlich höheren Grad an Nachhaltigkeit aus, da sie Brennstoff nicht nur Spalten, sondern bei der Spaltung gleichzeitig neuen, spaltbaren Brennstoff erzeugen. Zudem können diese die bereits bestehende Abfälle verwenden, um neuen Strom zu erzeugen.

Fast der gesamte deutsche Atommüll kann dabei recycelt werden und Deutschland für mehrere Jahrzehnte mit Strom versorgen. Entsprechende Technologen sind zurzeit nur in China im Einsatz, doch auch die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und Russland forschen intensiv an dieser Technologie.

Deutschland hatte mit dem Dual-Fluid-Reaktor (DFR) bereits eins der innovativsten Konzepte entwickelt. Dieser hätte 2013 beinahe den Nachhaltigkeitspreis gewonnen, wurde jedoch kurz vor der Preisverleihung aus dem Wettbewerb ausgeschlossen. Aufgrund der kernkraftfeindlichen Politik in Deutschland sind die Erfinder allerdings mit der Technologie nach Kanada ausgewandert.

Auch die neue Technologie der Kernfusion, die sich weitestgehend noch in der Forschung befindet, verspricht herausragende Resultate. Bei der Kernfusion werden Atomkerne durch extrem starke Magnetfelder zusammengepresst. Das gleiche Prinzip bringt Sterne wie die Sonne zum Leuchten. Bisher ist es kaum gelungen, Fusionsprozesse auf der Erde in Gang zu setzen, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen, aber das Potenzial ist enorm. Erste Modellprojekte in Frankreich wurden bereits gestartet.

Wie wird das Problem international gelöst?

Frankreich bezieht aktuell etwa 70 Prozent seines Stroms aus Kernenergie und hat gleichzeitig mit den geringsten Emissionsausstoß in Europa. Frankreich schafft es also durch Kernenergie seine Klimaziele deutlich leichter zu erreichen als Deutschland. In Frankreich werden bei der Stromerzeugung etwa 80g CO2 pro Kilowattstunde ausgestoßen, während es in Deutschland etwa 400g sind.

Die französische Regierung sieht sich daher auch in Bereich der Wasserstoffwirtschaft in einer sehr guten Position. Emmanuel Macron hat das Thema Kernkraft und Energiepolitik bereits als Wahlkampfthema zur Präsidentschaftswahl 2022 identifiziert. Seine Regierung investiert massiv in die Erforschung neuer Nukleartechnologien.

Der EU-Industriekommissar Thierry Breton wirbt ebenfalls für den Einsatz der Kernenergie: „Wir sollten diese Übergangsenergie nutzen, um den Aufbau einer sauberen Wasserstoffindustrie in Europa zu erleichtern“, sagte er im Oktober 2021 dem Handelsblatt. Auch die finnische mitte-links Regierung unter Ministerpräsidentin Sanna Marin, an der auch die finnischen Grünen beteiligt sind, setzt auf Kernenergie, um bereits 2035 die Klimaneutralität zu erreichen.

Schweden bezieht heute bereits 40 Prozent seines Energiebedarfs aus Kernkraft und den Rest aus erneuerbaren Energien. Zusammen mit Finnland gehört Schweden daher zu den führenden Klimanationen in Europa. Auch der italienische Minister für Ökologischen Wandel, Roberto Cingolani, der zudem Physiker ist, schließt den Bau von Reaktoren der vierten Generation nicht aus. Die britische Regierung von Premierminister Boris Johnson bezeichnet die Kernenergie in ihrem Plan zur Dekarbonisierung des Landes sogar als „wesentlichen Pfeiler“ und setzt dabei vor allem auf sogenannte „Small Modular Reactor“ (SMR), die sich durch eine besonders geringe Menge an strahlenden Abfällen auszeichnen.

Auch das US-Energieministerium investiert rund 1,4 Milliarden Dollar in die Erforschung von neuer Technologien. In Kalifornien arbeiten etwa 50 Start-ups an SMRs, sodass manche bereits von einem „Nuclear Valley“ sprechen.

Neue Technologien ermöglichen die sichere und CO2-arme Nutzung der Kernenergie und bieten somit den entscheidenden Schlüssel zur nachhaltigen Transformation der Energiegewinnung. Im Kampf gegen den Klimawandel sollte keine umweltfreundliche Technologie ausgeschlossen werden, sondern jede Chance ergriffen werden, um unser Land zu modernisieren und gleichzeitig nachhaltig zu transformieren.

dpa/rob